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Leopoldstädter Spaziergänge
Catharina, Robert unser Fotograf, meine Enkelin Hannah und ich, schlendern gelegentlich durch die Leopoldstadt, um uns Missstände anzuschauen, auf die uns BezirksbewohnerInnen aufmerksam gemacht hatten. Dabei ist uns neulich einiges aufgefallen. Vor allem, dass die Leopoldstadt ein Bezirk der langen Wege ist. Hier ist alles auf Durchfahrt ausgerichtet, FussgeherInnen, vielleicht sogar fussmarode, voll bepackt mit Kind und Kegel haben es schwer. Beim Treffpunkt Nestroyplatz Bushaltestelle des 5A, müssen wir die 19 Meter breite Praterstraße überqueren. 9 sec grün, 16 sec Räumzeit, das ist für das vierjährige Kind und die gehbehinderte Catharina einfach zu kurz. Es ist schlichtweg beängstigend, wenn die Ampel, bereits im ersten Drittel auf rot schaltet und die Motoren bereits ungeduldig aufheulen.
Gegenüber sehen wir uns mit Hindernissen konfrontiert. Der Schanigarten des Gasthauses im Nestroyhof ist so weit vorgezogen, dass wir mit dem Kinderwagen gerade noch durchkommen, das Kind muss auf die Straße treten, oder vor mir ohne Hand gehen, die kahlen Büsche ragen so weit in den Gehweg, dass man bei vollem Bewuchs im Sommer dort gar nicht mehr gehen kann. Abseits unserer hochgelobten Einkaufs-Prachtstraße mit der blumengeschmückten Rennstrecke, gehen wir durch die hinteren Gassen zum neuen Bahnhof Praterstern.
Bis zum Czerninplatz gibt es - außer alle drei Meter ein Hundehaufen - keine weiteren Hindernisse. Dafür können wir das blitzblank geputzte Hundeklo bewundern, auch Sackerl für's Gackerl sind genügend vorhanden. Die gänzlich zurück gestutzten Büsche geben einen (zum Schbeiben) anregenden Ausblick auf verschiedene Verdauungsprodukte von Hunden. Ein Altkleider-Container steht blöd herum, wir können nicht vorbei, ein anderer Müllkübel miachtelt still vor sich hin, nur der Glascontainer klirrt ganz leise, wenn ein Schwerlaster hier ein Eck zum Praterstern abschneidet. So stellen wir uns das Zentrum eines Innerstädtischen Platzes vor!
Weiter geht's. Die Franzensbrückenstraße in Höhe der Czerningasse zu überqueren ist ein Wagnis, das ist bekannt. Der nächste Fußgängerübergang ist reichlich weit entfernt. Wir schaffen's und kommen durchgefroren im Bahnhof an, hier ist es auch nicht viel wärmer, aber der Bahnhof gefällt uns. Wir finden die Architektur gelungen, es bleibt der freie Blick auf die Umgebung gewahrt, wir sind zufrieden damit, die schönen Bodenfliesen begeistern uns, ob sie allerdings bei Matsch und Nässe zur Rutschbahn werden, ist noch unklar. Am Perron verzweifeln wir neuerlich. Der Wind bläst durch die zwei Finger weit offenen Spalten des Wartehäuschens und die Sitzgelegenheiten mit eisig kalten Oberflächen sind zum Sitzen ungeeignet. Seitlich ohne Armlehnen, bieten sie Menschen die nur schwer aufstehen können, weil sie behindert oder krank sind, keine Gelegenheit sich aufzustützen. Liegen kann man schon gar nicht darauf, Obdachlose brauchen gar nicht erst auf die Idee kommen, in der Mitte haben die Sitze nämlich Armlehnen.
Einen Kaffee haben wir uns nun verdient, das Lokal in der Halle wirkt einladend. Wir suchen vergebens eine Ablagemöglichkeit für unsere Mäntel, doch geht es auch so und die Bedienung ist freundlich und der Kaffe sehr gut. Hannah muss auf's Klo, wir bewundern eine gänzlich neue, unbefleckte Toilettenanlage, leider nur von außen. Kosten: 50 Cent (das waren einmal fast 7 Schilling), für Frauen und Männer gleicherweise, das finden wir gerecht, aber den Preis finden wir unerhört. Keiner von uns hat fünfzig Cent dabei, das Kind muss. Wir versuchen es in der Kinder- und behindertengerechten Anlage nebenan. Auf Knopfdruck ertönt eine Stimme, die uns mitteilt dass die Anlage noch nicht in Betrieb sei. Danke. Hannah verkühlt sich den Popo auf der Baustelle.






