Gesamtschule: wo ist die Revolution?
09.11.2007 | Topstory, Bildung
Die Regierungspartner SPÖ und ÖVP haben sich endlich geeinigt: raus gekommen ist keine Schulrevolution, sondern ein paar Schulversuche. Gesamtschule ist das keine. Wir finden das sehr traurig.
Die Fakten liegen am Tisch: Österreichs Schulsystem wird international als rückständig erachtet. Die Kinder werden zu wenig individuell gefördert, schon mit 10 Jahren werden sie in AHS und Hauptschule (in Wien heisst sie mitunter verwirrenderweise auch „kooperative Mittelschule“) aufgeteilt und voneinander getrennt ausgebildet. Viele Kinder landen in der Hauptschule, obwohl sie das Zeug zur Matura hätten: weil ihr Elternhaus die nötige Förderung aber nicht leisten kann und der Staat nicht will, ist ihnen der höhere Abschluss verbaut. Abgesehen vom persönlichen Schaden spürt diese enorme Verschwendung an Talent und Potential auch die Wirtschaft. Österreich bildet seine Kinder zu wenig aus, die AkademikerInnenquote ist viel zu niedrig für ein mitteleuropäisches Land.
Die Schwarzen mauern ...
Dass die ÖVP in ihrem Elitedenken einer Gesamtschule nicht zustimmen kann, liegt auf der Hand. Sie betreiben Angstmache in der gebildeten Schicht: die schlechteren SchülerInnen werden das Nivau der Klasse runterdrücken, meinen sie. Sämtliche Studien aus anderen europäischen Ländern zeigen, dass das nicht der Fall wäre. Die besten SchülerInnen eines Jahrgangs bringen auch in Gesamtschulklassen dieselben Höchstleistungen wie in der vorselektierten AHS. Das liegt daran, dass in einer echten Gesamtschule individuell gefördert wird, nicht zuletzt weil in der Schulform mehr LehrerInnen zur Verfügung stehen. Aber der konservative ÖVPler glaubt nichts, was im Ausland seit 10 Jahren erprobt und evaluiert wurde. Und die uninformierten Eltern glauben fälschlicherweise, dass ihre Kinder vor den schlechteren SchülerInnen geschützt werden müssten. Viel Überzeugungsarbeit wird nötig sein, um die Vorurteile wieder zu entkräften, die die ÖVP seit Jahrzehnten aufwärmt.
... die Roten versagen
Dass die SPÖ umfällt, ist allerdings ein Drama. Früher war die Partei für ihre Sozialpolitik geschätzt, heute überlässt sie trotz rotem Bundeskanzler die Kinder der Geburtsjahrgänge 1998-2006 ihrem Schicksal. Die Kinder aus bildungsfernen Schichten werden weiterhin extrem schwer in die AHS kommen, mit allen negativen Folgen für ihr Leben und die Gesellschaft. Und die meisten Eltern werden weiterhin nicht wissen, was die Gesamtschule eigentlich könnte, weil sie nicht informiert werden.
Der Bezirksvorsteher schaut zu
Auch die Bezirks-SPÖ schläft weiter ihren Dornröschenschlaf in Sachen Schulpolitik. Dass viel zu wenige Kinder im 2.Bezirk in die AHS übertreten, ist dem Bezirksvorsteher nicht bekannt, meinte er auf eine Anfrage der Grünen. Wir wissen es aus eigener Erfahrung: es gehen in vielen Volksschulen nur drei bis vier Kinder pro Klasse in die AHS. In den bürgerlichen Bezirken ist es genau umgekehrt: nur drei bis vier pro Klasse gehen in die Hauptschule. Woran das liegt: die LehrerInnen werden immer weniger, die Förderung auch. Da eine Klasse in Döbling genauso viel Ressourcen wie eine Klasse in der Leopoldstadt hat, hier aber viel mehr Förderbedarf besteht, wird unfair ausselektiert. Wer keine Eltern hat, die neben der Schule die Hausaufgaben betreuen und außerschulische Bildungsangebote in Anspruch nehmen können, landet selten in der AHS. Es hängt also vom sozialen Status der Eltern ab, welchen Bildungsweg ein Kind im 2.Bezirk gehen darf. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, meinen wir.
Wir halten im Übrigen nichts davon, wenn einzelne Bezirke zum Versuchskaninchen für eine Pseudogesamtschule gemacht werden. Die Gesamtschule funktioniert nur, wenn alle in einen Schultyp gehen: in Döbling und in der Leopoldstadt und in allen anderen Bezirken.
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